Bach-Choral dekonstruiert

Wie kann man einen solch originellen Choral wie „Ach Gott und Herr“ aus dem letzten Blogbeitrag musikalisch verstehen?

Ich schlage vor, ihn erst einmal auseinander zu nehmen. Auch ein großes Genie übernimmt Dinge und erfindet nicht alles neu – die Melodie stammt nicht von Bach. Zum Glück gibt es mittlerweile recht verlässliche Online-Quellen, wo die dafür relevanten Informationen schnell zu finden sind. So erfährt man hier nicht nur, dass Text und Melodie wahrscheinlich aus dem frühen 17. Jahrhundert stammen, sondern findet gleich mehrere Frühformen der Choralmelodie und einige mehrstimmige Versionen vor Bach. In den 100 Jahren zwischen Johann Hermann Schein und Johann Sebastian wurde nicht nur, wie üblich, aus dem flexiblen, mensurierten Rhythmus des Cantionalsatzes der einfache, gerade metrisierte Rhythmus des spätbarocken Chorals, sondern diese Melodie wechselte von einem Dorisch mit mehreren veränderlichen Akzidentien zu einem recht simplen Dur (ein seltenerer Fall).

Ach Gott und Herr BWV 48 Melodie

In dieser begradigten Version nun weisen die Enden der Choralzeilen – sozusagen die tragenden Säulen der Harmonisierung – ein relativ überschaubares Repertoire an Schlusswendungen auf: Wir sehen zunächst drei fallende Ganztonschritte in den jeweiligen Schlusston (zweimal f und am Schluss einmal b), die gute, alte Tenorklausel TK. Dazwischen finden wir in der zweiten Zeile einen steigenden Halbtonschritt ins b (eine modifizierte Diskantklausel mDK) und in Zeile 4 und 5 einen steigenden Ganztonschritt ins c. Diese letzte Variante kann auf viele Arten kontrapunktiert bzw. harmonisiert werden, in einem B-Dur-Zusammenhang ist die einfachste Deutung Halbschluss B-Dur – F-Dur HS. Die allerletzte Klausel erscheint hier in außergewöhnlicher Form, wiederholt und auf drei Takte gestreckt. Der Vergleich mit einer anderen Bach-Vertonung desselben Chorales (BWV 255, hier in kleineren Noten angedeutet und zum besseren Vergleich von C-Dur nach B-Dur transponiert) zeigt, dass es sich dabei um genau das eben Erwähnte handelt: eine Verzierung und Dehnung. Dort erscheint die Tenorklausel in ihrer grundlegenden Form mit Halber Note als Penultima (= vorletzter Note). Die Streckung in der Version aus BWV 48 (die Kantate „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen“ von 1723) könnte auf verschiedene Arten gedeutet werden: Zum Einen ist diese Vertonung hier nicht das Schlussstück der Kantate, sondern die 3. von 7 Nummern – in so einem Zusammenhang geht Bach gerne weg von der einfachen Vertonung Note für Note. Aber entscheidender ist in diesem Fall sicherlich der Text: Geht es schon in der ganzen Kantate um Sünde und Schmerz, so heißt die konkrete Textzeile der 4. Liedstrophe, die vertont wird „Und lass mich hier wohl büßen!“ – und der fromme Christ des protestantischen Leipzig büßte ja gern ein bisschen länger…

Wiewohl mir eine ausschließlich textbezogene Ausdeutung musikanalytisch nicht ausreichend erscheint (davon soll ein zukünftiger Blog handeln), gibt uns doch der Text hier allermindestens eine nachvollziehbare Motivation für die Häufung der harmonischen Extravaganzen in dieser Version. Schauen wir uns die Texte der 4. Strophe an, sowie den Text der 1., der in BWV 255 vertont wurde und die dortigen, sehr regulären Klauseln der Bassstimme:

Ach Gott und Herr BWV 48 Klauseln

Zu den Tenorklauseln der Melodie tritt jetzt jeweils eine entsprechende Bassklausel (also zum jeweiligen Schlusston F oder B), bei der langen TK in Takt 4 die „Lieblingsdiminution“ der BK mit den Stufen IV-V-I. Zur mDK Takt 2 eine TK (häufiger als BK). Die beiden steigenden Ganztöne werden unterschiedlich gedeutet: der erste als HS von B-Dur, der zweite als Ganzschluss von F-Dur mit TK im Bass und einer seltenen Form der Altklausel im Sopran. Dass Bach zwei aufeinanderfolgende gleiche Schlüsse verschieden harmonisiert ist Ehrensache, ansonsten ist die Abfolge der Kadenzen einfach und ausgewogen: abwechselnd die Tonarten F-Dur und B-Dur, die Bassschritte abwechselnd Quint- und Sekundschritte, der Halbschluss ziemlich genau in der Mitte.

So sieht dann die vierstimmige Aussetzung in BWV 255 vollständig aus (womöglich aus einer verloren gegangenen Kantate, wiederum transponiert nach B-Dur):

Ach Gott und Herr BWV 255 B-Dur

Wer ein bisschen mit Bach-Chorälen vertraut ist, wird mir zustimmen, dass diese Harmonisierung eher „harmlos“ ausfällt. Bis auf ein Zwischendominäntchen am Ende von T. 1 und die später zu diskutierende Stelle in T. 7 nur B-Dur und F-Dur mit ihren jeweiligen Hauptstufen. Der Alt singt statistisch gesehen überwiegend die Töne f, c und es bzw. e (je nach aktueller Tonart). Wie steht das denn jetzt zu den „schweren Sünden“?

Wie ausdrucksstark dagegen die Version aus BWV 48! Davon dann mehr im nächsten Blog!

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2 Gedanken zu “Bach-Choral dekonstruiert

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