Endlich scheine ich Zeit für die Umsetzung guter Vorsätze zu haben…

…eine Operation am Arm zwingt mich dazu, alles zu unterlassen, was damit zu tun haben könnte, Klaviere zu spielen, zu verschieben oder Tafeln zu beschriften. Also bleiben für ein paar Wochen nur häusliche Tätigkeiten, die ich als einarmiger Bandit erledigen kann: An meinem E-Book über barocke Vokalornamentik weiterschreiben (kein Witz), Steuererklärung machen, etwas komponieren, die neuen Seminare vorbereiten, die Homepage neu gestalten und den Blog weiterführen. Na, zumindest letzteres zeigt ja nun kleine Ergebnisse. Aber der einzige Vorsatz, den ich während der erzwungenen Hausruhe ziemlich erfolgreich durchhalte, ist, jeden Tag mindestens eine CD von meiner gigantischen Musikhalde abzutragen, die entweder noch eingeschweißt im Regal ruht oder, zwar geöffnet, jedoch trotzdem seit Jahren ungehört traurig in der Ecke schmollt. Ja, ich oute mich hier als altmodischer Musikhörer, so eine Art Jäger des verlorenen Schätzchens – oder besser Schnäppchens. Entdecke ich, am liebsten so richtig im Laden, eine vielversprechende Aufnahme eines mir bekannten Stückes, oder besser noch die Aufnahme eines vielversprechenden mir unbekannten Stückes, dann kann ich selten widerstehen, erst recht nicht, wenn es ein Schnäppchen ist.

Und was habe ich alles gehört in den letzten Wochen. Die ein oder andere CD habe ich leider gefunden, die nur noch digitales Britzeln und Blubbern von sich gab (ja, auch gekaufte Silberlinge altern und ja, so lange kaufe ich schon CDs…), auch mal Musik, die gut hätte eingeschweißt bleiben können, einiges ganz Interessante und auch die rare Entdeckung, wofür der ganze Spaß sich dann lohnt.

Die Musikgeschichte ist so reich, dass ich immer wieder andere Epochen und Stile für mich entdecke. Diesmal wurde ich in der Musik um 1900 besonders fündig und dabei vor allem in Frankreich.

Schon lange habe ich das Gefühl, dass wir französische Musik des fin de siècle eigentlich unter einem falschen Blickwinkel betrachten. Das könnte vor allem zwei Gründe haben, die beide auf eine gewisse Germanozentrik zurückzuführen sind, die trotz allem der hiesigen Musikwissenschaft und auch Programmpolitik immer noch anhaftet: Einerseits schreiben bitteschön austro-germanische Komponisten die progressive Musikgeschichte, also die Nachfolger entweder von Brahms oder Wagner; andererseits, wenn schon französisch, dann natürlich Debussy und alles, was impressionistisch oder – ab den 1910er Jahren – klassizistisch, dadaistisch oder sonst irgendwie istisch genannt werden könnte.

Dabei ist es sehr schwer, den größten Teil der Musikproduktion in Frankreich um 1900 in dieses unmöglich grobe Raster Spätromantik-Impressionismus-Moderne einzuordnen. Wie oft wird Gabriel Fauré, dieser meist übersehene Großmeister kleiner Besetzungen, in Deutschland als „schon fast impressionistisch“ bezeichnet und über meinen aktuellen Komponisten im Mittelpunkt, den anderen Gabriel, nämlich Pierné (1863-1937), verbreitet die deutsche Wikipedia „Stilistisch ist seine Musik der Spätromantik zuzuordnen.“. Das mag auf seine Frühwerke bis in die 1890er Jahre noch zutreffen, aber bei seiner stilistisch vielschichtigen Musik späterer Zeit könnte kaum eine Aussage weiter daneben liegen (der französische Wiki-Eintrag ist da schon sehr viel differenzierter). Pierné hat wie viele seiner frankophilen Zeitgenossen bei César Franck studiert und sich mit dessen Stil auseinandergesetzt, was sich bisweilen in post-lisztscher Chromatik und massiven monothematischen Formgebilden äußert. Neben dem frühen Pierné könnte man hier Vincent d’Indy, Ernest Chausson, Henri Duparc, Louis Vierne und insbesondere den früh verstorbenen Guillaume Lekeu nennen. Doch wie diese hatte Pierné den Drang, die Musiksprache Francks zu modernisieren. Außerdem besaß er wie fast alle Zeitgenossen ein Faible für Exotismus, was sich in orientalischen Sujets, Music-Hall oder folkloristischen Einflüssen, aber genauso gut im Wiederentdecken vorklassischer Musik niederschlagen konnte. Die Folklore seiner Wahl war die spanische, genauer noch: die baskische – das ging damals gemeinsam durch. Wie gut, dass er keine katalanische Musik in spanischen Suiten unterbrachte, sonst würden heute vielleicht ein paar Gelbe-T-Shirt-Träger die Aufführung verhindern oder zumindest einen politisch korrekten Titel erzwingen.

Henri_Constant_Gabriel_Pierné
Gabriel Pierné, unbekannter Maler [de.wikipedia.org] {Public Domain}

Außerdem zeigte Pierné ab und an einen Hang zum Leichten, was deutschen Kritikern damals bestimmt das gern auf französische Musiker angewandte Adjektiv ‚frivol‘ entlockte. Seine Werke für Klavier und Orchester, allesamt vor oder um 1890 komponiert, zeichnen sich durch grandios-dramatische oder spritzige Themen aus, klingen dabei etwa so, als habe Saint-Saëns ein bisschen zu viel vom Baum der Erkenntnis distanzharmonischer Chromatik genascht. Das Scherzo-Caprice op. 25 schraubt sich so oft durch den Großterzzyklus fis-Moll/D-Dur/b-Moll, dass man sich fast in einem Hollywood-Melodram wähnt, allerdings mit komödiantischem Einschlag.

Pierne op25 Buchstabe B imslp
Klavierauszug des Hauptthemas des Scherzo-Caprice op. 25 [imslp.org]
Unter seinen Zeitgenossen erlangte Pierné seine größte Bekanntheit als Dirigent. Ab 1903 war er Assistent, ab 1910 Chef der Concerts Colonne, in denen viele wichtige zeitgenössische Werke erstmals aufgeführt wurden. Noch nicht einmal der ewig ironisch mäkelnde Kritiker Monsieur Croche fand abwertende Worte über Pierné als Dirigent und Komponist, aber sicherlich wollte es sich Claude Debussy unter seinem Pseudonym nicht mit dem Uraufführungsdirigenten der eigenen Images verscherzen.

Monsieur Croche

Pierné führte, oftmals als Erster, neben Musik von Debussy, Werke von Ravel, Roussel und Strawinsky auf, sowie viele heute zu Recht oder Unrecht vergessene Zeitgenossen. 1912 entzündete er Kontroversen, da er die Musik eines gewissen Ernest Fanelli aufs Programm setzte, der bereits 1883/86 in einer das antike Ägypten beschwörenden Musik ausgiebig Ganztonleitern und Klangflächen verwendete und damit (fast 30 Jahre zu spät) die Erfindung impressionistischer Techniken beanspruchte. Nun, auch diese CD habe ich bei meinen Grabungsarbeiten gefunden, doch der ‚Roman de la momie‘ (schon damals kehrte also die Mumie zurück) gehörte trotz origineller Elemente zu den eher unspannenden Entdeckungen und zeigte einmal mehr, dass der Erste zu sein nicht automatisch auch gut bedeuten muss, wenn das Neue momentan zwar sinnlich, aber im Zusammenhang eher sinnfrei daherkommt.

fanelli
CD-Cover Ernest Fanelli, Marco Polo

Es war womöglich die dirigentische Beschäftigung mit der Moderne seiner Tage, die auch Pierné dazu anregte, sich kompositorisch mit aktuellen Strömungen auseinanderzusetzen und so zeigen seine Werke ab ca. 1905 Einflüsse des Impressionismus. Ich persönlich höre dabei eher den klassizistischen Tonfall Ravels und Roussels als den sensualistischen Debussys heraus. Dies, obwohl das zentrale Werk dieser Schaffensphase inhaltlich direkt an den L’après-midi d’un faune anzuknüpfen scheint, das gut einstündige Ballett Cydalise et le chèvre-pieds, komponiert etwa 1913-14. Die elegante mythologische Fantasie mit Satyrn und Faunen, angesiedelt im Park von Versailles, scheint eine direkte Reaktion auf Ravels Daphnis et Chloe zu sein, deren 1. Orchestersuite Pierné uraufführte. Auch Roussels Festin de l’araignée schimmert durch. Über weite Strecken klingt das wie ein selbstbewusstes ‚Was die können…‘, aber nicht zuletzt die hübsche Idee, ein neobarockes Ballett-im-Ballett zu integrieren, in dem sogar ein Cembalo zum Einsatz kommt (was mag das bei der Uraufführung 1923 für ein Instrument gewesen sein?), sorgt für viele persönliche Noten.

Wenn von Pierné bis heute einiges im Repertoire geblieben ist, liegt das vor allem daran, dass er ein Herz für die Underdogs der Orchesterinstrumente hatte. Zupfer und Holzbläser sind ja immer auf der Suche nach dankbarer Sololiteratur und so erklingt in Hochschulkonzerten wenigstens ab und zu seine konzertante Musik für Harfe, Flöte, Klarinette oder Fagott sowie ein hübsches Sätzchen für Bläserquintett.

Was Piernés Nachruhm sicherlich geschadet hat, ist seine stilistische Unberechenbarkeit: Selbst unter seinen ‚modernen‘ Reifewerken findet sich plötzlich ein neobarockes Gebrauchsstück wie die Pastorale variée dans le style ancien (!) op. 30; quadratisch, praktisch… na gut… und ohne einen das Ohr herausfordernden Ton – aber als jemand, der selbst von mikrotonaler Avantgarde über Popsongs bis zu Theatermusik à la Brahmsky-Berljozjew alles Mögliche komponiert, werfe ich keinen ersten, zweiten oder letzten Stein.

Was mich jedoch am meisten bei meinen CD-Fundstücken faszinierte, war seine großangelegte Kammermusik. Während die Kopfsätze den Hang zu den oben erwähnten monothematischen Riesenformen verraten, wartet er vor allem in den Scherzi mit rhythmischen Konstruktionen auf, die weit über das zeitübliche Maß hinausgehen und heute Pop- wie Weltmusikhörer ködern und erfreuen können.

Diesen rhythmischen Delikatessen werde ich den nächsten Blog-Eintrag widmen, Notenbeispiele inklusive.

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