In diesem zweiten Blog-Beitrag über Gabriel Pierné (1863-1937)…

…soll es vor allem um seine rhythmische Erfindungskraft gehen, die meiner Meinung nach diesen Komponisten zwischen Spätromantik, Impressionismus und Moderne angenehm über die typische Tagesproduktion seiner Zeit hinaushebt. Seine kompositorischen Wurzeln hat Pierné, wie im letzten Beitrag beschrieben, bei César Franck, sein Verhältnis zur Rhythmik rückt ihn jedoch eher in die Nähe Gabriel Faurés (1845-1924). Genau wie dieser hat er eine Vorliebe für motorische Bewegungen, die sich oft in durchgehenden, manchmal ostinaten Notenketten äußern, die in langsamem Tempo fließend, in schnellem treibend wirken.

Es gehört zum Standard des 19. Jahrhunderts, dass Komponisten die verschiedenen Kombinationen von binären und ternären Rhythmen durchexerzieren: Von dem bei Klavierschülern gefürchteten Zwei gegen Drei (gerade Achtel gegen Triolenachtel) über quasi ausnotierte Rubati in N-tolenketten bis hin zu den zahlreichen Möglichkeiten, wie man in zusammengesetzten Taktarten betonen kann – oft wird das stark verkürzend unter dem Begriff „Hemiolen“ zusammengefasst. Zu dieser rhythmischen Problemstellung, die Musiker beispielsweise in den Kopfsätzen der 2. und 3. Symphonie oder der 1. Violinsonate Johannes Brahms zum Schwitzen bringt, hat auch Pierné sein Scherflein beigetragen: So baut er in die Klavierbegleitung im Finale seiner Violinsonate op. 36 synkopische Hemiolen ein, die dann im ersten Takt des Violinthemas aufgegriffen werden. Im Laufe des Satzes wird viel Kapital aus dieser Konfliktrhythmik geschlagen, und kaum eine Kombination von Betonungen im 6/8-Takt (inklusive des romantischen 2:3) wird ausgelassen.

Pierne op36 III 01{imslp.org}

Doch in dieser noch relativ frühen Komposition aus dem Jahre 1900 (früh gemessen an Piernés weiterer stilistischen Entwicklung) geht er in puncto Polyrhythmik auch viel weiter. Die Begleitfigur des ersten Satzes baut auf Quintolen auf (polymetrisch notiert als 10/16-Takt), die Violine spielt darüber anfangs im 6/8-Takt, später aber auch Sechzehntel im 2/4 (also 4:5).

Pierne op36 01Pierne op36 02

{imslp.org}

Selbstverständlich geht es hier nicht um unabhängige polyrhythmische Schichten à la Ligeti, sondern um nachromantische Verwischungen, der Effekt ist allerdings erstaunlich modern. Apropos Ligeti: Diese zwei Takte sehen dann doch mehr nach dessen Klavieretüden als nach 1900 aus.

Pierne op36 I 02

{imslp.org}

Irgendwie scheint Piernés Ehrgeiz darin zu bestehen, alle Kombinationen durchzuspielen, denn neben 3:5 und 4:5 kommen später auch 5:6 (ja, die Violine muss ebenfalls Quintolen spielen!) und das dagegen geradezu konventionelle 4:6 vor.

Wenn das Stück heute ab und zu gespielt wird, dann oft in der von Pierné autorisierten Version für Flöte und Klavier. Liebe Flötist_innen, verzeiht mir, ich weiß, ihr werdet mit gutem Repertoire nicht wirklich überhäuft, aber die originale Besetzung ist leider viel besser. Pierné nutzt alle Register der Violine aufs Schönste aus – und noch hat die Flöte keine tiefe G-Saite, außerdem ist ihre Dynamik im sehr tiefen und sehr hohen Register jeweils recht eingeschränkt… Bevor dieses wundervolle Stück jedoch gar nicht gespielt wird… nur zu! Und der menuettartige Mittelsatz, der es mit ähnlich historisierenden Stücken Ravels durchaus aufnehmen kann, klingt in beiden Instrumentationen bezaubernd.

Die Faszination mit der Fünferunterteilung trägt in den folgenden Jahren reiche Frucht. Pierné entdeckt einen Tanz für sich, der in den 10er und 20er Jahren immer wieder einmal in seinen Werken auftaucht: den Zortzico. Komponisten seit Charles-Valentin Alkan in den 1840er Jahren sind davon überzeugt, dass dieser baskische Tanz im 5er-Takt steht, in folkloristischen Aufführungen jedoch wird dieser Rhythmus eher frei behandelt, von rubatoreichem Dreier bis hin zu volkstümlichem Humta-humta im Zweiertakt habe ich auf Youtube so einiges gefunden. Ein ‚Ezpata dantza‘ (Schwerttanz) kommt der Version bei Pierné am nächsten, bei allen Aufnahmen des Tanzes fällt aber eine unklassische Rhythmisierung auf:

Analyse Gabriel Pierne op 41 Schwerttanz[Notenbeispiel, ab Sekunde 00:35 des Videos]

Während die Punktierungen der Oberstimme etwas weich genommen werden (eher wie inegales Spiel), spielt die begleitende Trommel die akzentuierte Note auf dem vierten Achtel auf vielen Aufnahmen etwas zu früh. Auch legt die Betonung vielleicht eine andere Metrisierung nahe, nämlich den Taktstrich zwischen die Drei und Vier zu setzen – alle notierten Beispiele folgen jedoch der hier gezeigten Aufteilung.

Auch die baskische Hymne ‚Gernikako Arbola‘ ist in einem 5er-Takt notiert. Eine aufwendige Aufnahme ist bis zum Einsatz der großen Blaskapelle doch recht aufschlussreich: Während die Begleitung den charakteristischen 5er-Rhythmus offensichtlich brav aus Noten spielt, gestaltet der Solosänger der ersten Strophe den Rhythmus recht weich. Selbstverständlich möchte ich durch die Verlinkung zu diesem Video kein politisches Statement abgeben (die Diskussion in den Kommentaren scheint nicht ideologiefrei zu sein), aber eine Faszination für die isolierte Sprache der Basken, die keine Verwandtschaft zu anderen europäischen Sprachen hat, und für das Baskenland als Reiseziel (wegen des Kulturangebots, der Landschaft und der leckeren Pintxos) gestehe ich gerne.

Es ist mir nicht bekannt, ob der französische Komponist den Tanz selbst gehört hat oder nur auf komponierte Vorbilder von Albeniz und Sarasate zurückgreift (zu vermuten ist eher letzteres). Sein kompositorischer Umgang damit führt jedenfalls zu eleganten Ergebnissen. In seinem Klavierquintett op. 41 (veröffentlicht 1919) tänzelt der gesamte Mittelsatz über den charakteristischen Rhythmus.

Analyse Gabriel Pierne op 41 Zortzico[Notenbeispiel]

Dieser Fünfer groovt sich dermaßen hartnäckig ein, dass der neunminütige Satz fast zu lang werden könnte, aber natürlich hat Pierné ein weiteres polymetrisches Ass im Ärmel: In einem Mittelteil, der zwar dasselbe Grundtempo besitzt, aber wegen seiner längeren Notenwerte als langsamer empfunden wird, überlagert ein imitatorischer Satz im Vierertakt die ostinate Bewegung in Fünfergruppen des Klavieres. Notiert ist das Ganze unpraktischerweise in Riesentakten, die viermal so lang sind wie die 5/8 zuvor – also 20/8 (!) gegen 4/2. Da im Verlauf dieses Mittelteils auch noch Vierteltriolen vorkommen, finden wir somit die Ratios 3:4:5.

Pierné hatte sich offenbar in diesen Fünferrhythmus dermaßen verliebt, dass er ihn wortwörtlich noch in einigen Kompositionen verwendete, darunter im Finale seiner ‚Sonata da camera‘ op. 48 für Flöte, Violoncello und Klavier – ein Auftragswerk für Elizabeth Sprague Coolidge, dieselbe Mäzenin, für die auch die heute ungleich bekannteren Komponisten Strawinsky, Bartók, Schönberg u.a. Werke schufen.

Die Musik, die betreffs rhythmischer Einfallskraft alles oben Beschriebene übertrifft und mich eigentlich erst auf den Gedanken brachte, Pierné Blogbeiträge zu widmen, stammt aus dem Klaviertrio op. 45 von 1921. Und das, obwohl die CD, die ich ihrem Dornröschenschlaf in meinem Regal entriss, sicherlich nicht die beste Interpretation des Werkes enthält. Das Label ‚Marco Polo‘ schloss getreu seinem entdeckerfreudigen Namensgeber in den 1980er und 90er Jahren zahlreiche Repertoirelücken, meist mit unbekannteren osteuropäischen und asiatischen Interpreten, die zumeist solide, aber selten hervorragende Wiedergaben einspielten. Um ein unbekanntes Werk kennenzulernen, taugten diese Aufnahmen durchaus, und wie gemacht für mich als Schnäppchenjäger wurden die CDs noch jahrelang zu Schleuderpreisen vertickt. Es gibt von dem Klaviertrio allerdings inzwischen verschiedene Einspielungen, darunter eine vom ‚Trio Wanderer‘, denen ich alles zutraue. Leider ist diese Aufnahme nicht auf Youtube verfügbar – verdammte Folgekosten: eigentlich war die CD-Höraktion ja zum Aufräumen gedacht, prompt weckt sie bei mir aber die Lust auf weitere Anschaffungen…

Während der Kopfsatz einmal mehr eine post-francksche Bandwurmmusik ist (mit eigentümlich dramatisch-melancholischer Qualität), wartet Pierné im scherzo-artigen Mittelsatz mit einer exquisiten rhythmischen Idee auf: Ziemlich umständlich erklärt er die Taktart 3+5/8, die nach tausenden Popsongs heute wirklich jedes Kind drauf hat: „Cette mesure se bat comme une mesure à 9/8 dont le 3e temps serait abrégé d’une croche.“ Also: „Diese Taktart wird geschlagen wie ein 9/8, dessen dritte Zählzeit um ein Achtel verkürzt ist.“ Zur Verdeutlichung benutzt Pierné anfangs halbhohe Taktstriche zur Binnenunterteilung, dessen zweiter zusätzlich gestrichelt ist! Dass so viel Erklärung aber durchaus nicht unberechtigt ist, zeigt eigentlich meine mittelmäßige Aufnahme, auf der man deutlich hört, dass die Musiker in Vierteln denken und krampfhaft (und nicht immer überzeugend) einen Akzent auf das vierte Achtel legen.

Pierne op45 II 01Pierné, op. 45, II. Satz, Beginn der Klavierstimme T. 3f {imslp.org}

Der Clou ist jedoch die Überlagerung mit den Streicherstimmen, die zwar im dreihebigen Takt notiert sind, jedoch recht komplizierte Unterteilungen eines Schlages spielen müssen (Duolen) und eine andere Taktgruppierung (also Phrasendauer) haben. Das Klavier spielt das Thema in zwei- und dreitaktigen Gruppen – also spiegelt sich auch hier die additive Länge der Schläge. Die Streicher pizzikieren dazu relativ unvorhersehbar mit zahlreichen Synkopen. Ich höre dabei die erste Gruppe jeweils als Beginn einer neuen Taktgruppe. Das zweite Mal beginnt die Schleife im 6. Takt auf dem 2. Schlag, markiert durch Forte (was zu ziemlich unübersichtlichen Verschiebungen der synkopischen Einsätze führt), ein drittes Mail, jetzt variiert, im 12. Takt auf Zwei, nurmehr Mezzoforte.

Pierne op45 II 02Pierné, op. 45, II. Satz, Beginn {imslp.org}

Zur Verdeutlichung habe ich für mich die Instrumente digital simuliert, so dass man sie zunächst getrennt und danach kombiniert hören kann. Wenn ich mal groß bin, upgrade ich diese Seite auf den Premium-Tarif – dann kann ich auch Audiofiles einfügen.

Nach diesem verzwickten Beginn macht das Cello noch ein paar Takte mit der abweichenden Schleife weiter, während jetzt die Violine das Thema übernimmt und das Klavier eine echte Pop-Begleitung hinlegt:

Pierne op45 II 03Pierné, op. 45, II. Satz, Takt 15ff {imslp.org}

Wie bei ihm üblich, tendiert Piernés Musik zu einer gewissen epischen Länge: Zwischen den Ecksätzen, die sich immerhin um die 19 bzw. 14 Minuten Spieldauer bewegen, braucht auch das „Scherzo“ fast 10 Minuten, aber als eine Art Trio ist mit „Assez lent“ ein langsamer Mittelsatz integriert. Damit nähert sich das gesamte Werk der im frühen 20. Jahrhundert so beliebten Brückenform.

Mal sehen, ob vielleicht die Verfügbarkeit nahezu des gesamten Werkes dieses unterschätzten Komponisten auf imslp.org zu einer kleinen Renaissance führen kann. Es ist allemal lohnende Musik, die aber zugegebenermaßen virtuose und rhythmussichere Interpreten erfordert.

Demnächst soll ein dritter Blogbeitrag die Harmonik etwas näher unter die Lupe nehmen – außerdem gibt es noch mindestens eine erzählenswerte Anekdote über den Dirigenten Pierné und einen Streit mit Pablo Casals. Ein bisschen Tratsch muss ja auch sein.

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