Ein One-Hit-Wonder war Igor Strawinsky beileibe nicht…

…aber mit einem Werk wird man ihn wohl immer am Stärksten verbinden: Dem Sacre du printemps, zu deutsch: Das Frühlingsopfer oder Die Frühlingsweihe, englisch The Rite of Spring (Strawinsky hätte The Coronation of Spring bevorzugt) und russisch Весна священная (Vesna svjaščennaja) – in jeder Sprache und Version hat der Titel einen leicht, aber dennoch deutlich verschiedenen Beigeschmack, wie mir Muttersprachler*innen bestätigt haben. Uraufgeführt wurde das Ballett 1913 in Paris, bekanntermaßen begleitet von einem der größten Skandale der Musikgeschichte, über den es viel zu erzählen gäbe (und in einem zukünftigen Blogbeitrag auch zu erzählen gibt). Doch spätestens seit der konzertanten Erstaufführung etwa ein Jahr später zählt das Stück zum eisernen Bestand der Orchesterliteratur, durchaus viel diskutiert, aber nie wirklich als Meisterwerk in Frage gestellt. Es gilt als absolutes Hauptwerk des frühen 20. Jahrhunderts und des Komponisten Strawinsky überhaupt (dem danach noch knapp 60 schaffensreiche Jahre vergönnt waren!), dessen Faszination auf Musiker und Publikum bis heute ungebrochen ist. Auch für mich ist eines der absoluten „Suchtstücke“, als Teenager habe ich es zeitweise mehrmals am Tag gehört und das kann mir auch heute phasenweise noch ab und zu passieren…

Insofern liegt es für mich nahe, dass ich nach einer knapp einjährigen Unterrichtspause meinen Wiedereinstieg in die Hochschullehre mit einem Analyse-Seminar zum Sacre feiere – umso passender, als wir auch gerade jetzt (im April 2021) einen Gedenktag begehen, nämlich den 50. Todestag von Igor Strawinsky († 6.4.1971 in New York City). Ich habe in den letzten Jahren schon zweimal ein Seminar an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf der Analyse dieses Werkes gewidmet, aber auch ein drittes Mal wird mir das bestimmt nicht langweilig und die Studierenden sind mittlerweile sowieso andere. Und in jeder studierenden Generation gibt es genügend Enthusiasten, die mit mir zusammen bereits sind, diesen Meilenstein der Musik zu erkunden und vor allem analytisch etwas tiefer einzusteigen als das gelabelte Wissen auf Schulbuchniveau gemeinhin zulässt. Schon in der ersten Sitzung haben wir gleich festgestellt, dass es eine Menge „Lieblingsstellen“ gibt (für jede*n eine andere und meistens gleich mehrere…). Und sofort haben wir ein paar Allgemeinplätze in Frage gestellt, wie etwa die Vorstellung, der Rhythmus sei der russischen Volksmusik entlehnt oder den fragwürdigen Begriff „Bitonalität“ zur Beschreibung der Harmonik.

Wo aber beginnen bei der Analyse eines so bedeutenden und vielgestaltigen Werkes, das zudem nicht nur musikalisch rezipiert wird, sondern auch in viele weitere Bereiche verweist, darunter nicht nur künstlerische? Neben bildender Kunst und Tanz spielte bei der Entstehung (eine zugegebenermaßen nicht sehr wissenschaftliche) Altertumsforschung eine Rolle, später interessierten sich unter anderem Philosophie und Soziologie für den Sacre, von dem bis heute andauernden Medienecho auf Werk, Entstehung und Rezeption ganz zu schweigen…

Japanisches Filmplakat zu "Coco Chanel & Igor Stravinsky" von Jan Kounen (2009), unter anderem mit einem Filmstill aus der nachgestellten Premieren-Szene
Ein japanisches Filmplakat zu „Coco Chanel & Igor Stravinsky“ von Jan Kounen (2009), unter anderem mit einem Filmstill aus der nachgestellten Premieren-Szene

Ich habe mich entschieden, direkt mit musikalischer Analyse einzusteigen, um grundlegende Begriffe der Kompositionstechnik zu klären. Und dazu wähle ich nicht den allerersten Anfang der Musik, die Introduction, sondern den folgenden Abschnitt, Les augures printaniers (Die Auguren oder Vorzeichen des Frühlings) ab Studienziffer 13. Dafür sprechen aus meiner Sicht gleich mehrere Aspekte: In der Original-Choreographie hob sich erst zu dieser Stelle der Vorhang, somit beginnen hiermit Tanz und Handlung. Musikalisch stellt die Introduction zudem einen ziemlichen Ausnahmezustand dar: Dort wendet Strawinsky eine vom Rest des Werkes sehr verschiedene Technik der Klang- und Rhythmusgestaltung an, die Augures hingegen repräsentieren eine viel typischere Kompositionstechnik.

Und außerdem zeigen die in der Paul-Sacher-Stiftung Basel aufbewahrten Skizzen, dass die allerersten Ideen von 1911 Material zu diesem Abschnitt darstellen. Ich denke zwar im Gegensatz zu vielen aktuellen Forscher*innen nicht, dass Skizzen uns zwingend etwas über das Innerste eines Stückes verraten, aber fangen wir an, wo auch der Komponist anfing – vielleicht verhilft uns das zu einer zusätzlichen Erleuchtung.

Igor Strawinsky, Skizzenblatt (Ausschnitt) zum Sacre, aus Robert Craft, 'The Rite of Spring'. Genesis of a Masterpiece, London 1969
Erste Skizzen Strawinskys zum Sacre. Von links oben nach rechts unten: Akzent bei Zi. 15, Kombination mit Arpeggio Zi. 14, Kombination mit Vla 16, Kombination mit Vl + Klar. 23, ???

Ich freue mich sehr darüber, dass es so fleißige Internet-Bienchen gibt, die Youtube-Videos erstellen, die Musikstücke mit ihren Partituren synchronisieren, so dass uns der Umweg über imslp.org und eigenes Umblättern erspart bleiben. Zum Sacre gibt es auch ein solches Video: Zu der womöglich krachendsten und urgewaltigsten Aufnahme des Stückes der New York Philharmonic unter Leonard Bernstein von 1958 läuft die revidierte Partiturausgabe von 1967 mit. Der zu betrachtende Ausschnitt geht von 3’28 bis 6’46:

Wir hören einen über dreiminütigen Entwicklungszug, der von der gnadenlos stampfenden Wiederholung des berühmten Sacre-Akkordes bis zu einem hypnotischen, strahlenden Tutti führt. Wenn ich richtig gezählt habe, erklingt der bewusste Akkord 212 Mal, jedoch auch in den Abschnitten zwischen den Akkordschlägen ist er präsent in Form der ostinaten Tongruppe des-b-es-b und durch eine Auffächerung der Akkordtöne in Arpeggien.

Sacre, Ziffer 14
Auffächerung des Akkordes unter Urzelle des-b-ed-b

Die harmonische Betrachtung der Tongruppen (oder wie sollen wir diese Mini-Motive nennen…?) und Analysen der Rhythmik werden im folgenden Blog-Beitrag behandelt. Bis dahin viel Spaß mit der herrlichen Krawall-Aufnahme unter Bernstein!


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